ruhm, ein roman in neun geschichten

Stimmen
Ebling kauft sich ein Mobiltelefon und bekommt Anrufe, die nicht für ihn sondern für den ruhmreichen Schauspieler Ralf Tanner gedacht sind. Wenn er sich richtig verhält, scheint niemand zu merken, dass er nicht Ralf ist und so nimmt er –zumindest am Telefon- dessen Identität an und beeinflusst somit auch dessen Leben.

„Diese Nacht fasste er zum ersten Mal seit langem wieder seine Frau an. Zunächst war sie nur verblüfft, dann fragte sie, was denn los sei mit ihm und ob er getrunken habe, dann gab sie nach. Lange dauerte es nicht, und während er sie noch unter sich spürte, war ihm, als täten sie etwas Ungehöriges.“

Am Telefon spricht er mit Frauen, die ihn (bzw. Ralf Tanner) begehren. Er macht ihnen weiterhin Hoffnungen, verabredet sich mit ihnen, geht aber nicht hin. Dieses Doppelleben, all die Fantasien schienen sein eigenes Leben wieder zu beflügeln, ihm neue Energie zu geben. Am Ende der Geschichte sagt sein Freund Rogler zu Ebling: „Versteh das jetzt bitte nicht falsch. Aber wer sollte dich schon anrufen?“. Damit bringt er auf den Punkt, was durch die Geschichte klar wird. Ebling ist ein Niemand, ein verheirateter Mann mit Kindern, jemand, wie jeder andere auch, ohne jeglichen Ruhm.

In Gefahr
Der Autor Leo Richter und seine Freundin Elisabeth sind mit dem Flugzeug unterwegs. Sie bittet ihn darum, sie nicht in eine Geschichte einzubringen und weiss, dass er nie verstehen wird, was sie beim Roten Kreuz tut. Er fürchtet sich schon vor einem Flug, wie würde er also reagieren, wenn er sich plötzlich im Kriegsgebiet befände?
Er ist sichtlich genervt von seinen Fans, hat es satt, immer auf die gleichen Fragen antworten zu müssen. Den einen Termin will er absagen und bittet seine Kollegin Maria Rubinstein stattdessen, an seiner Stelle daran teilzunehmen.

Rosalie geht sterben
Hier wird erstmals ganz deutlich, dass es innerhalb des Romans Realität und Fiktion gibt. Rosalie gehört zu den vom Autor Leo Richter erfundenen Figuren. Sie spricht mit ihm, fleht ihn an, sie leben zu lassen, als sie auf dem Weg in die Schweiz ist, um dort unter der Aufsicht einer Sterbehilfeorganisation zu sterben.
Am Ende kommt es tatsächlich dazu, dass er sie rettet, der alten Dame wieder die Jugend schenkt. Man hat zu Beginn gemerkt, dass sie das (Senioren)Leben satt hat. Sie mag nicht mehr mit ihren Freundinnen über die Enkelkinder sprechen. Sie betrachtet ihre Freundinnen in den bunten Kostümchen und den passenden Hütchen und Täschchen und mag nicht mehr dieses oberflächliche, fast schon lächerliche Leben führen. Ob dabei erneute Jugend eine Erlösung ist, bleibt wohl fraglich. Viel wichtiger scheint mir die Tatsache, dass Leo Richter ihr die Rettung bloss aus egoistischen Überlegungen schenkt, womit er dann wohl auch an den Autor des Romans, Daniel Kehlmann, appelliert.

„Und zugleich, ich kann es nicht leugnen, kommt mir die absurde Hoffnung, dass dereinst jemand dasselbe für mich tun wird“.

Der Ausweg
Ralf Tanner will sich selbst darstellen, was ihm aber völlig misslingt. Stattdessen tritt ein anders Double auf, dem es viel besser gelingt. Es scheint fast, als würde Ralf seine Identität verlieren.

Osten
Maria Rubinstein reist in den Osten und wird dort von ihrer Gruppe zurückgelassen und bleibt verschollen. Der Albtraum eines jeden zivilisierten Menschen wird Realität. Auch ihr Ruhm als Autorin kann ihr in dieser Situation nicht mehr weiterhelfen. Sie findet zwar in einem Geschäft eines ihrer Bücher, hat aber keine Möglichkeit, das dem Verkäufer klar zu machen. Es spielt auch gar keine Rolle.

Antwort an die Äbtissin
Miguel Auristos Blancos, Autor, der mit seinen Werken vielen Menschen hilft und ihrem Leben einen Sinn gibt, glaubt selbst nicht an das, was er schreibt.

Ein Beitrag zur Debatte
Mollwitz, ein einsamer, übergewichtiger Computerfreak der im mittleren Alter noch immer zu Hause bei seiner Mutter lebt.

Wie ich log und starb
Der Chef von Mollwitz führt ebenfalls ein Doppelleben. Er ist verheiratet, trifft sich nebenher noch mit einer anderen Frau und plötzlich scheint das ganze Kartenhaus in sich zusammenzufallen.

In Gefahr
Der Höhepunkt der Fiktion ist der Punkt, an dem Elisabeth merkt, dass sie in eine von Leo Richters Geschichten verpackt wurde, obwohl sie ihn innigst darum gebeten hat, dies zu unterlassen. In der letzten Geschichte trifft sie das, was er aus ihr gemacht hat: die Figur der Lara Gaspard. Er selbst wird plötzlich mutig und selbstlos, weiss plötzlich mehr als Elisabeth.

Fazit
Die neun Geschichten stehen alle zueinander in irgendeiner Verbindung und bilden dann gemeinsam ein Mosaik der Identitätsfrage, der Selbstdarstellung und der Suche nach Anerkennung. Die Charaktere sind auf verschiedenste Weise miteinander verbunden, einige sind Fiktion, andere Realität in der Fikiton.

Ein Werk, das mit seiner formellen Komplexität glänzt.

Eine Antwort schreiben