Eine Novelle von Theodor Storm
„Einen Steinwurf vom Lande konnte er eine weiße Wasserlilie erkennen. Auf einmal wandelte ihn die Lust an, sie in der Nähe zu sehen; er warf seine Kleider ab und stieg ins Wasser. Es war flach, scharfe Pflanzen und Steine schnitten ihn an den Füßen, und er kam immer nicht in die zum Schwimmen nötige Tiefe. Dann war es plötzlich unter ihm weg, die Wasser quirlten über ihm zusammen, und es dauerte eine Zeitlang, ehe er wieder auf die Oberfläche kam. Nun regte er Hand und Fuß und schwamm im Kreise umher, bis er sich bewusst geworden, von wo er hineingagangen war. Bald sah er auch die Lilie wieder; sie lag einsam zwischen den großen blanken Blättern. – Er schwamm langsam hinaus und hob mitunter die Arme aus dem Wasser, dass die herabrieselnden Tropfen im Mondlicht blitzten; aber es war, als ob die Entfernung zwischen ihm und der Blume dieselbe bliebe; nur das Ufer lag, wenn er sich umblickte, in immer ungewisserem Dufte hinter ihm. Er gab indes sein Unternehmen nicht auf, sondern schwamm rüstig in derselben Richtung fort. Endlich war er der Blume so nahe gekommen, dass er die silbernen Blätter deutlich im Mondlicht unterscheiden konnte; zugleich aber fühlte er sich wie in einem Netze verstrickt; die glatten Stengel langten vom Grunde herauf und rankten sich an seine nackten Glieder. Das unbekannte Wasser lag so schwarz um ihn her, hinter sich hörte er das Springen eines Fisches; es wurde ihm plötzlich so unheimlich in dem fremden Elemente, dass er mit Gewalt das Gestrick der Pflanzen zerriss und in atemloser Hast dem Lande zuschwamm. Als er von hier auf den See zurückblickte, lag die Lilie wie zuvor fern und einsam über der dunkeln Tiefe.“
Die weisse Wasserlilie steht wohl für Elisabeth, die nun, da sie Reinhard sie endlich wiedersieht, stets ein weisses Kleid trägt. Die Liebe ihrer Jugend scheint so fern, so vergessen – als hätte es sie nie gegeben. Elisabeth ist jetzt in den Händen eines anderen Mannes und trotzdem kommt Reinhard zurück um sie zu besuchen. Er kann der Versuchung, sie zu sehen, nicht widerstehen. Er geht ins Wasser, um die Seerose zu besuchen, um ihr nah zu sein. Der Weg ist beschwerlich und seine Füsse schmerzen von den scharfen Pflanzen und Steinen. Wie die Wasserlilie gibt sich Elisabeth unbeeindruckt. Man spürt zwar, dass sie sich über seinen Besuch freut, doch gibt sie sich distanziert und weicht jeglichen Fragen seitens Reinhards, welche ihre Jugend betreffen, schweigend aus.
„..als ob die Entfernung zwischen ihm und der Blume dieselbe bliebe..“ Reinhard besucht Elisabeth zwar ab und zu, aber er merkt, dass sich zwischen ihnen eine Distanz eingestellt hat, die nicht mehr zu überbrücken ist.
..“Als er von hier auf den See zurückblickte, lag die Lilie wie zuvor fern und einsam über der dunkeln Tiefe..“ Elisabeth fügt sich dem Willen ihrer Mutter und antwortet auf das Werben eines Mannes, für den sie nicht mehr als brüderliche Liebe verspürt. Sie kann aber mit niemandem über ihre Gefühle sprechen und ist somit allein mit sich und ihrer Trauer.
„Er blickte beim Rudern zu ihr hinüber; sie aber sah an ihm vorbei in die Ferne. So glitt sein Blick herunter und blieb auf ihrer Hand; und diese blasse Hand verriet ihm, was ihr Antlitz ihm verschwiegen hatte. Er sah auf ihr jenen feinen Zug geheimen Schmerzes, der sich so gern schöner Frauenhände bemächtigt, die nachts auf krankem Herzen liegen.“




November 10, 2009 um 7:05 |
ich liebe die lyrik, ich liebe das leben
was kanns schöner geben