Liebe kommt, Liebe geht. Man kann Liebe geben, nur nehmen oder auch teilen. Für mich ist Liebe eine Pflanze. Nehmen wir als Beispiel der zwischengeschlechtlichen Liebe:
Sie kennt ihn schon länger. Sie hat ihn in jungen Jahren kennen gelernt und sich an seine Gegenwart gewöhnt. Er war immer da. Er war da, wenn sie ihn brauchte, er war da, wenn sie sich einsam fühlte, er war da, wenn sie sich freute, um sich mit ihr freuen zu können. Irgendwann verloren sie sich aus den Augen – sei es aufgrund eines Umzuges, aufgrund einer unterschiedlichen Ausbildung oder beruflichen Entwicklung. Irgendwann kommt es aber, dass sie sich wiederfinden. Erst dann, an jenem Tag, erkennt sie, dass da ein Samen im Boden steckt. Ein kleiner Samen, der langsam zu keimen beginnt. Der kleine, grüne Spross kämpft sich durch die kalte Dunkelheit, durchdringt, getrieben allein von der Liebe, der Sehnsucht nach Liebe, mühsam die Erdoberfläche und gelangt endlich ans Sonnenlicht. Dort ist er nun erstmals im Stande, sich selbst mithilfe der Photosynthese zu versorgen, um nicht mehr allein von den sowieso fast völlig aufgebrauchten Reserven, die im Samen gespeichert waren, zehren zu müssen. Ein kleines, verletzliches Pflänzlein ist entstanden. Wenn man dieses kleine Ding nun liebevoll pflegt, wenn man dafür sorgt, wird es immer weiter gedeihen und irgendwann wird die Pflanze in ihrer ganzen Schönheit erblühen – die Blüte der Liebe.
Natürlich kann man die Pflanze vernachlässigen. Man kann sie vergessen, mann kann auf ihr herumtrampeln, sie verletzen und in den Boden stampfen. Vielleicht, wenn man Glück hat, bleibt ein Rhizom zurück, dass, sobald der Winter überstanden ist, wieder zu keimen beginnt. Es kann aber auch gut sein, dass die Strapazen, die Fahrlässigkeit einfach zu gross waren, sodass die Pflanze kümmerlich stirbt. Dann gibt es keine Hoffnung mehr. Manche Verletzungen bringen irreversible Folgen mit sich. Zu diesen gehört auch der Tod, das Ende aller Liebe.
Sie sagt ihm Dinge, die sie nicht so meint, wie er sie versteht. Er schweigt, spricht nicht aus, was er fühlt, denkt oder empfindet. Sie reden aneinander vorbei. Sie scheinen sich nicht mehr zu kennen, zu verstehen, keine Chemie mehr zu haben. Sie trennen sich. Sie geht ihren Weg, er geht den seinen. Nach einiger Zeit des langen Nachdenkens treffen sie wieder aufeinander. Sie erkennen, dass ihre Pflanze noch nicht völlig verkümmert ist. Sie ist zwar ganz klein, versteckt sich in der Erde und bangt ums Überleben, aber sie lebt. Mit viel Fürsorge schaffen sie es, die Pflanze wieder erblühen zu lassen.



